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Von Zahlen, Nuggets und eigenartigen Scheren

“The story doesn’t begin with the image and it doesn’t end with the image.”

(Colin Pantall)

 

Wir sahen bislang Konstantin Webers Begabung zum romantischen Kammerspieler, ruhig, unprätentiös, auf den Punkt gebrachte fotografische Solitäre: Gefaltete Hände. Der Blick auf einen fast heruntergelassenen Rolladen, Licht schimmert wie ein verheißungsvoller Leuchtcode durch die Lichtschlitze. Die seitliche Rückenansicht eines sitzenden Mannes im weißen T-Shirt. Blicke auf Karosserien, Autoscheinwerfer, den nächtlichen Rahmen eines Fussballtors, auf einer fernen Horizontlinie einsam ein paar kleine Lichter. Die Nahaufnahme einer Hand, die Zeigefingerspitze berührt ein Knie. Aufnahmen, so nur in ganz besonderen Momenten möglich, aufgenommen in einer geradezu hermetischen Lichtstimmung.

 

„In allen Werken frage ich vor allem nach dem Bezug zur Realität. Meinen Werken wohnt ein künstliches, erzeugtes Bild inne, dass der Betrachter auf den ersten Blick vielleicht nicht zu vernehmen mag. Es scheint wie Fotografie, dennoch ist es das nur zum Teil. In der Serie Mountain Tales greife ich die in Custom Wastelands gewonnene Bildsprache auf, zeige aber Bilder die ich so nicht fotografiert habe. Ein absolut unterbelichtetes Bild kann hier zu einer strahlenden Wolke geworden sein. Eine analoge Aufnahme erst durch die Fehlfunktion einer Kamera ihre Bedeutung erreicht haben. So weiß ich zu Anfang nicht, welches Bild sich in meine Arbeit einreihen lässt. Daher bin ich stetig im Begriff die Kontrolle über meine Arbeit zu erlangen, nur um sie dann im richtigen Moment wieder loslassen zu können.“ Konstantin Weber

 

Aber, wie sich nun rausstellt, ist Weber noch viel mehr: Ein Forschungsreisender, ein am Wesen des Bildhaften, des Fotografischen extrem interessierter; dabei, gängige Fotografietheorien ebenso zu hinterfragen wie die historischen und die aktuellen technischen Möglichkeiten auszuloten, letzteres durch wochenlanges tüfteln mit jeder zu bekommenden AI-Software, im Verbund mit befreundeten Softwarespezialisten. Sich neue Möglichkeiten der Computational Photography, der AI zu eigen machen und verstehen - zu bewerten, gegebenenfalls zu verwerfen und aus diesem prozesshaften Verständnis heraus eigene künstlerische Ideen entwickeln, das ist die Vorgehensweise von Konstantin Weber.

Weber legt bei der Serie „Land of the Threes“ jeweils 3 Bildschichten übereinander, die sich mal mehr, mal weniger in Ihren zugrundeliegenden Aufnahmeparametern unterscheiden, 3 Ebenen, 3 reale Augenblicke verschmelzen in einem Bild zu einer fiktionalen vierten Ebene, einem fiktiven vierten Moment.

„Meine allgemeine Motivation ist es, das Muster eines Bildes zu durchschauen. Ich frage mich, was ein Bild zu einem Bild macht. Ich suche nach dem Anfang und dem Ende einer Arbeit.“ Konstantin Weber

 

Und so extrahiert Weber, beispielsweise, aus einem Bild einzelne Pixel, im Grunde monochrome Quadrate wie Lego-Steine, lässt sie gezielt durch bestimmte AI-Anwendungen laufen und vergrößert das Ergebnis dann auf Papier: Wunderbare, großfomatige Prints diffuser Farbflächen, erinnernd an die Anmutung einer Malerei Caspar David Friedrichs. Offensichtlich macht die Leere nicht nur uns Menschen zu schaffen…

Weber präsentiert uns die Pixel-Prints dann wie für den Versand gefaltete Großplakate, beim vorsichtigen auseinander falten werden sie ganz nebenbei zum haptischen Erlebnis. Ganz undigital analog:)

 

Im Gegensatz dazu sehen wir ein kleines, graues, eher unscheinbares Objekt mit der Anmutung eines Stücks Wellpappe, auf einem Sockel ruhend. Das Ergebnis eines Nachdenkens über eine 20 Jahre alte, praktisch vergessene, verwackelte, unbeabsichtigt aufgenommene Videosequenz. Zu allem ausgerechnet auch noch ein Sonnenuntergang. 198kb, eine Sekunde lang, nur 15 Bilder. Ein Bedienungsfehler. Ein Video, 198 Kb groß, ein Datenwitz. Aber für Weber auch eine Herausforderung: Löschen wäre irgendwie schade, zu einfach. Es ist noch was da, aber was?

Ein Artefakt, eine vage Erinnerung, gerade noch greifbar, sowohl für den Menschen wie auch für die Maschine, aus dem letzten Winkel der ältesten Festplatte und dem hintersten Winkel des Gehirns nochmal aufgetaucht. Weber nimmt sich also der 15 Bilder an, versucht diese Szene zu rekonstruieren, ihr nachzuspüren: wie war das damals? Und was macht eigentlich eine Erinnerung daran aus? Was sehen wir vor unserem inneren Auge? Und in welcher Qualität? In RAW? In 3D? Oder reicht hier kleinste Auflösung? Und, klar, mit wie vielen Bildern pro Sekunde läuft unser innerer Film ab?

Wir sehen das Video, wir sehen die 15 Einzelbilder und eben die Wellpappe. Und genau darin gerinnt der Moment von damals. Gefertigt mit spezieller Software, die aus Aufnahmen eines Objekts plastische Modelle generiert. Auch aus zweidimensionalen Objekten wie die 15 Filmbilder, hier errechnet das Programm mangels Informationen mittels der Bildkontraste eine 3D-Ansicht. Wie ein dreidimensionales Kartenmodell. Ein so eher schwieriges, ungenaues Unterfangen. Ein kleines Teil liegt sogar daneben. Abgebröckelt?

Nein, es ist die Sonne, auf den 15 Bildern natürlich wesentlich heller als die dunkle Szenerie, das Programm findet hier keinen Zusammenhang. Und errechnet eben zwei Teile.

Ein Video geronnen zu einem 3D-Kunstharzobjekt. Lässt es ich elektronisch abtasten und zurückverwandeln? Was käme dabei raus?

Vielleicht aber dient es Weber bald auch als Modell für ein grosses, raues Holzobjekt oder für ein aus Gold gefertigtes Nugget. Goldgräberstimmung.

 

Zur Zeit arbeitet Weber unter anderem daran, Zusammenhänge zwischen Algorithmen, neuronalen Netzen und luzidem Träumen zu erforschen, ein extrem spannendes Feld, wie ich finde. Eine Zeit lang beim Lesen abends einnickend habe ich mich selbst dabei „ertappt“, wie mein Gehirn den gerade gelesenen Text weiterspann ohne weiter zu lesen, und war von diesen neuen „Zeilen“ immer sehr überrascht. Wie entsteht so etwas? Was baut sich unser Gehirn da zusammen? Die KI funktioniert ja umso besser, mit je mehr Daten sie gefüttert wird und desto besser ihre Algorithmen sind...  das ist bei uns wohl sehr ähnlich auf biochemischer, neuronaler Ebene. Konstantin bringt diesen ganzen technischen Kram sozusagen auf die Erde zurück, in unser „richtiges“, menschliches Leben, er ent-abstrahiert, er verortet das für uns: Photography will not just become code.

 

Bei dem Werk The Shy Image nähern wir uns, von einer intelligenten Software beobachtet, einem Monitor als Spiegel. Kommen wir dem Spiegel allerdings zu nahe, verschwindet unser Spiegelbild, es wird zu reiner Mathematik und somit zur Datei. Das individuelle menschliche Antlitz trifft auf den Algorithmus und verschwindet in eine unsichtbare, nur noch mit Logik erklärbare Sphäre. Mein (Spiegel)bild verbleibt so (präzise) in der Maschine, (unpräziser) in meiner Erinnerung. Einer aller elementarer Erfahrung widersprechendes Unsichtbar-werden. Eine Sinnbildwerdung. Und wenn man so will: Ein quasi umgekehrter Polaroideffekt.

 

a person cutting a piece of paper with scissors zeigt einen Dialog zwischen herkömmlicher Fotografie und einem Bild-zu-Text-Algorhithmus. Grundlage bildet eine Fotoserie, die Weber während seiner Tätigkeit als Produktfotograf aufnahm. Aber wir bekommen nicht die fertigen Produktfotos zu sehen, sondern Fotos aus einem Zwischenbereich, Szenen, in denen für die eigentlichen Aufnahmen erst alles hergerichtet werden musste: Das exakte Auslegen eines Tischläufers, das Glattbügeln einer Tischdecke oder das Positionieren einer Kaffeetasse. Im folgenden Prozess analysierte Weber anhand einer Bild-zu-Text-Software diese

Aufnahmen.

Das zugrunde liegende Datenset, eine über 300,000 Bilder umfassende Bibliothek, wird von der AI genutzt um Bilder automatisch zu kategorisieren. Entscheidend für Weber waren die teilweise stark abweichenden Interpretationen des Bildmaterilas. Eine einfache Drehung der Hand, des Körpers oder schlicht eine andersfarbige Tischdecke brachte den Code zu völlig unpassenden, absurden Schlüssen.

Mit dieser Arbeit legt Weber für den Betrachter offen, wie diese komplexen Systeme die Betrachtung selbst interpretieren. Die Software stellt fest, sie überlegt nicht. Der Titel a person cutting a piece of paper with scissors beschreibt zugleich die vielleicht deutlichste Fehlinterpretation. Ein Bügeleisen das über eine Tischdecke gefahren wird und dabei dem Code den Anschein vermittelt, hier würde ein Papier mit einer Schere zerschnitten werden. Natürlich wird hier deutlich, dass das Programm nach den groben Formen und Farben entscheidet. Eine weiße Tischdecke, ein weißes Papier. Uns ist der Unterschied natürlich klar.

Für Konstantin Weber ist diese Arbeit „wie ein Tanz mit der Bedeutung der Bilder“. Die Fotografien ringen durch die Texte mit dem Künstler und dem Betrachter um eine Interpretationshoheit, um eine vermeintliche Wahrheit. Und sie sind, und das macht den großen ästhetischen Reiz dieser Arbeit aus, neben den absurden Zuschreibungen durch die AI selbst wunderbar absurd. Das Absurde wird potenziert und wir können darin eintauchen.

 

Konstantin Weber transformiert letztlich angewandte Mathematik in ein poetisches Bild-Alphabet. Die alte Magie der Zahlen wird zu einer neuen Magie der Fotografie, der fotografischen Kunst.

 

Claus Stolz, 2020